Karate gegen Gewalt

Zugegeben, ein etwas reisserischer Titel, der bei näherer Betrachtung dennoch seine Berechtigung hat. Es ist nicht gemeint dass man vermittels japanischer Kampfkünste die Bösewichte in ihre Schranken weisen kann. Es geht darum so viel Selbstvertrauen aufzubauen das man für seine Werte in jeder Situation einstehen kann. Ein hohes Ziel das viel Zeit und Einsatz benötigt.

Der Aufbau beginnt damit dass man die Grundlagen der gewählten Kampfkunst in regelmässigen Training sich erwirbt. Diese Übungen werden, so wie vom Lehrer vorgegeben, einzeln geübt. Vielfach besteht das Vorurteil dass Karatetraining aus wildem aufeinander prügeln besteht. Diese Vorstellung entspricht nicht den Tatsachen. Karate ist eine äusserst technische Kampfkunst die sich bis ins hohe Alter ausüben und verbessern lässt. In unserem Dojo (Trainingsraum) sind die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer zwischen vierzig und sechzig Jahre jung, trainieren regelmässig und entwickeln sich stetig weiter. Das hat nichts mit draufhauen zu tun, da werden Prozesse ausgelöst die bei nachhaltigem Training die Eigenschaften generieren die uns an den asiatischen Kampfkünsten so fasziniert: Ruhe, eigene Mitte, frei von negativen Gefühlen und das Wissen dass man sich äusserst effizient verteidigen könnte. Mit dieser Einstellung kann man Gewalt Einhalt gebieten.

Bei Kindern ist es enorm wichtig frühzeitig das Selbstvertrauen aufzubauen. Unsichere Kinder können in der Schule, aber auch in der Freizeit ihre Möglichkeiten nicht ausschöpfen. Sie sind zögerlich und suchen sich Anführer. Um zu gefallen unternehmen sie Aktionen die nicht unbedingt mit unserem Verständnis und unseren Wertvorstellungen korrespondieren. So haben viele Mitläuferkarrieren begonnen.

Sport ist ein tolles Mittel, Selbstvertrauen aufzubauen. Leider ist im modernen Sportbetrieb das Messen unter Seinesgleichen sehr selten geworden, es zählt nur noch der Sieg, für den Pokal wird alles unternommen, vom Mobbing bis zum Doping. Ethik wird zum Thema für den Religionsunterricht. Diese Haltung ist weit verbreitet, unsere Gesellschaft muss achtsam sein, sonst generieren wir eine Generation von Egoisten. Ein Kompliment an alle Eltern die sich bemühen, Gegensteuer zu geben. Wie passt jetzt Karate in dieses Bild? Im Training lernt man als erstes ein paar Grundregeln für soziales Verhalten. Bevor man den Raum betritt, grüsst man das Dojo, ebenso wenn zwei Gegner gegeneinander antreten. Dieses kleine Ritual fördert unbewusst Achtsamkeit und Empathie. Gerade Kinder sind für solche Regeln offen. Im Kinderkarate geht es nicht darum zurückzuschlagen sondern darum dass man könnte wenn man wollte, aber dies nicht nötig hat. Man lernt sich zu verteidigen so dass einem Angreifer die Lust zu weiteren Aktionen vergeht. Haben die Kinder keine Angst mehr haben sie auch die Freiheit gewonnen ihre Leistungen unbehelligt von äusseren Faktoren zu erbringen.

Um diese Wertvorstellungen zu vermitteln braucht es eine fundierte Ausbildung nicht nur im technischen Bereich. Stufengerechtes Unterrichten, emotionale Prozesse verstehen und steuern, und vor allem die Trainierenden ernst nehmen und Erfolgserlebnisse vermitteln gehört ebenfalls zur Trainertätigkeit. Der schwarze Gürtel sagt wenig aus über die Qualitäten der Trainerperson. Deshalb sind bei uns in der Taidokai Karateschule unsere Trainer/innen ausgebildete J+S als Leiter oder als Experte. Wir versuchen mit allen Möglichkeiten Nachhaltigkeit und Freude an der Bewegung zu vermitteln. Wie sagte die Fussballlegende Johan Cruyff einst: um als Trainer erfolgreich zu sein muss man die Menschen gerne haben.
Pierre Feldmann
6. Dan/J+S Experte

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